Warum (über) Langeweile (sprechen) tödlich ist - 05.06.-16.06.2019

Cabedelo, Brasilien nach Degrad des Cannes (Cayenne), Französisch Guyana

Passage-Daten

Starthafen: Cabedelo, Brasilien

Zielhafen: Degrad des Cannes (Cayenne), Französisch Guyana

Abfahrt: 05.06.2019

Ankunft: 16.06.2019

Strecke: 1400 Seemeilen

Dauer: 273 Stunden

Wetter: Südost bis Nordost mit Windstärken zwischen 0 und 6 Beaufort, See zwischen 0 und 3 m, vereinzelt tropische Gewitter (Squalls), ansonsten leicht bewölkt mit Temperaturen zwischen 38ºC (tags) und 27ºC (nachts)

Besondere Vorkommnisse: Dieselleck (behoben), Ruderversager (behoben), Äquatorüberquerung

Zuallererst eine Warnung an alle Brasilien-Segler: Ihr habt 90 Tage für die kostenlose temporäre Einfuhr Eures Bootes. Nehmt das von der Receita Federal (Brasilianischer Zoll) bei der Einklarierung eingetragene, späteste Ausklarierungsdatum ernst. Oder verlängert rechtzeitig. Oder werdet zu einer Strafe in Höhe von 10% des Bootswertes verknackt und habt 72 Stunden, diese zu bezahlen. Oder bei Nacht und Nebel abzuhauen. 

Mehr brauche ich wohl über unsere überstürzte Abreise nicht zu sagen ;-). So trug es sich also zu, dass wir mit nur halbem Langfahrt-Proviant beim abendlichen Niedrigwasser die Leinen losgeworfen und uns auf einen Ankerplatz im Fluss verholt haben. Den Abend verbrachten wir dann bei einem Abschiedsumtrunk auf der Redemptionmit seinem Skipper Des von Südafrika und unseren neuen Freunden Andrea und Ingo von der Easy Oneaus Deutschland. Mit gemeinsamer Generalrichtung Nord hoffen wir sehr, alle irgendwann wiederzusehen. Einen wirklichen Abschied unter Seglern gibt es ja bekanntlich nicht.

Dann also Anker auf noch vor Sonnenaufgang bei Morgen-Hochwasser mit ablaufendem Wasser, AIS aus, Segel hoch und leise gleitet Seefalke von seinem Ankerplatz die fünf Seemeilen aus dem Rio Paraiba ins offene Meer. Endlich. Nach drei Monaten an Land ein Gefühl der Freiheit – in mehrfacher Hinsicht...

Rauschefahrt im Südost-Passat

Dort kriegen wir dann auch sofort die Rechnung unseres dreimonatigen Wartungs-, Reparatur- und Upgrade-Aufenthalts präsentiert. Nicht die finanzielle. Den Schicksalsschlag hatten wir ja schon verdaut. Nein, die seemännische. Nach dreimonatiger Segelpause, war die 2-3 m Welle gefühlt mindestens doppelt so hoch und der Südost-Passat, der frisch bis stark aus, wie der Name es erahnen lässt, Südost wehte, war gefühlt ein mittlerer Orkan. Bei unserer gefühlten Orkanfahrt kamen die Fische die ersten zwei Tage nicht zu kurz (da schlägt halt unser Tierfreund-Herz) und wir gingen mit Rauschefahrt nach Norden. Hier, wo der Guyana-Strom seine volle Stärke entfaltet und teilweise mit 3 Knoten nach Nordwesten setzt wurde ein Rekord-Etmal nach dem Anderen geknackt.

Hierzu sei vielleicht gesagt, dass Seefalke zwar ein äußerst seegängiges, stabiles Schiff, aber nun doch bei Weitem keine Rennziege ist. Unsere Etmale bewegen sich demnach so im Durchschnitt um die 100 Seemeilen. Diesmal geschenkt! 140 Seemeilen und sogar 165 (!!!) Seemeilen waren plötzlich drin. Und nein, der Motor lief nicht mit! Vielmehr waren wir dank unserer solaren Großinvestition plötzlich absolut autark. Ein ungesehener Mittelfinger an alle großen Stromkonzerne dieser Welt J.

Undichte Dieseltankabdeckung

Aber gerade, wo es schön wurde, die Seekrankheit langsam den Rückzug angetreten hatte, dann das: Da schwappte doch irgend so eine Soße in der Motorbilge. Scheiße!! Nein, das nun nicht, aber auch nicht viel besser. Diesel. 

Anatomie Seefalke 1: Dieseltank

Dazu muss ich vielleicht einen kleinen Einblick in die Eingeweide unseres Schiffes geben. Der Hauptdieseltank ist im achteren Bereich des Kiels untergebracht, oder besser, der achtere Bereich des Kiels IST der Dieseltank. Er hat eine Inspektionsöffnung nach außen (auf See nicht zugänglich) und eine große Inspektionsöffnung, die in die Maschinenraumbilge öffnet. Sie ist nicht so leicht zugänglich, dafür aber mindestens genauso schwer. Ich habe also, beim Wiederverschließen, den Dichtungsring nicht ordentlich ausgerichtet (weil ich immer wieder alles alleine machen wollte) und nun, wo wir dann doch nicht unerhebliche Bewegungen im Schiff hatten und Lage schoben, schwappte mit jeder Welle ein mittelgroßer Schluck Diesel in die Bilge. Nicht gut. Gar nicht gut! Lenzen in den Tagestank – keine Option, der war schon voll. Also Deckel auf, und ab runter in die Katakomben von Seefalke. Bei tatsächlichen 50ºC im Maschinenraum, kopfüber mit Schwamm und Eimer bewaffnet, und schon High ob der wohligen Dieselgerüche begann der Kampf gegen die Dieselflut. Nach etwa vier Stunden war die Bilge leer, der Verschluss gerichtet und abgedichtet, ich komplett in Diesel gebadet und wahlweise schwarz vor Dreck oder grün und fertig mit der Welt. Der Diesel wurde in leere 10l-Wasserflaschen gefüllt und der Motor gestartet, einfach nur, um auf diesem Weg etwas Diesel loszuwerden.

Mit einem dichten Dieseltank segelte es sich wunderbar in Rauschefahrt rund um Cabo Calcanhar und auf Nordwestkurs, den wir nun wohl so für die nächste Woche oder mehr halten sollten. Wir blieben gut östlich der 2500 m-Linie, zum Einen, weil wir nicht in unmarkierte Fischerboote und/oder -Netze rennen wollten, zum Anderen um die volle Kraft des Guyana-Stroms zu genießen.

Die Doldrums

Der war es dann auch, der uns durch die Doldrums schob, der Flautenzone um den Äquator. Diese ist zwar hier im Westatlantik um diese Jahreszeit sehr eng, wesentlich enger als auf der afrikanischen Seite. Aber nach dem kraftvollen Südostpassat traf uns die Schwachwindzone doch wie eine Wand. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit, die zeitweise über sieben Knoten lag, schmolz in der Folge, wie Eis in der Äquatorsonne.

Das gab uns etwas Zeit, über lustige Äquatorzeremonien nachzudenken oder den Sinn des Lebens oder (ganz gefährlich) über die Langeweile auf Langfahrt zu lamentieren. Nach zwei Tagen hatten wir die Innertropische Kovergenzzone (etwa von 01º Süd bis 01º Nord) durchtrieben, zwei Brote in der Bordbäckerei gebacken und eine Pizza. Mhhhhh...

Und schon hatte uns der Nordostpassat eingefangen und ab ging es zurück auf die Überholspur. 

Nächtlicher Ruderversager

Dann, es waren mittlerweile zehn Tage auf See, in meiner Nachtwache so gegen 22:30 ein Ruderversager. Zuerst dachte ich, Mist, da ist uns ein Netz oder irgendwas ins Ruder geraten, was das Ruder blockiert. Ein Gang aufs Achterdeck mit Strahler ließ allerdings nichts erkennen. Die Fehlersuche begann. 

Anatomie Seefalke 2: Rudersteuerung

Auch hier vielleicht ein kleiner Ausflug in die Anatomie von Seefalke.Wir haben eine Hydraulik-Steuerung, die sich gleichzeitig vom Cockpit oder vom zweiten Steuerrad auf dem Achterdeck bedienen lässt. Diese kann mit einem Bypass-Ventil überbrückt werden, was uns ermöglicht, das Boot rein mechanisch an der ebenfalls fest installierten, langen Holzpinne zu steuern. Der Autopilot steuert über eine Hydraulikpumpe den Zylinder an, der über den Ruderquadranten letzendlich das riesige Ruderblatt bewegt. Die Hydrauliksteuerung ist unter den Kojen in der Achterkajüte untergebracht. 

Mein zweiter Gedanke war, vielleicht ist ein Hydraulikschlauch abgerissen und das Hydrauliköl ausgelaufen. Also erstmal Genua runter. Kein Schiff in der Nähe und mehr als 1000 m Wasser unter uns, nur leichter Seegang, so weit so gut also, keine unmittelbare Gefahr. Dann das Kommando „Alle Mann an Deck!“, bzw. „Baby, kommst Du bitte mal hoch, wir haben ein Problem.“ 

Als dann die Hydrauliksteuerung freigelegt war, war das Malheur sehr schnell klar. Aus einem noch unbekannten Grund hatte sich der Kolben des Hydraulikzylinders von der Schraubverbindung des Ruderquadranten gelöst. 

Ich schaltete auf mechanische Steuerung um, und Michelle war beauftragt, auf dem Achterdeck die Pinne in Neutral-Position zu halten, sodass ich in dieser Position den Kolben wieder mit dem Quadranten vereinen konnte. Keine allzu einfache Aufgabe, aber sie gelang. Und dabei wurde dann auch der Grund des Problems ersichtlich. Der Sicherungsring, der genau das verhindern sollte, wurde nach wahrscheinlich hundert- oder tausendfachem Reiben an einem zu dicht installiertem Bodenbrett gelöst und führte schließlich zum Lösen der beiden Komponenten. Nach etwa 1,5 Stunden war die Steuerung wieder klar, aber irgendwo da unten mussten sich ein paar Ameisen eingenistet haben. Die dann in einem zweiten Arbeitsgang geortet und bekämpft wurden. 

So viel zu Langeweile auf See. Neptun hat einen großen Fundus an Beschäftigungstherapien, wenn er auch nur die kleinste Beschwerde vernimmt!

200 Meilen vor der Ansteurung von Cayenne verließ uns dann der Windgott und bescherte uns nur noch Windstärken von 2 Beaufort. So dümpelten wir, hauptsächlich vom Guyana-Strom angetrieben in weniger atemberaubenden 2-3 Knoten, unserem Ziel entgegen.

Ansteuerung Cayenne

In den Fluss Mahury führt ein schmaler, gut betonnter aber flacher Kanal, den wir eine Stunde nach Niedrigwasser mit auflaufendem Wasser anlaufen wollten und zwar bei Tag. Dies ließ uns ein Fenster von ca. 4 Stunden jeden Tag, den wir natürlich erstmal um wenige Stunden verpassten, sodass wir in der Folge eine Nacht und einen halben Tag treibend auf unseren Moment warteten, den Kanal anzusteuern. Bei starkem Seitstrom teilweise unter einem Vorhaltewinkel von 45º fuhren wir also in den Fluss, passierten die französische Marinestation und den Frachthafen Degrad des Cannes. Wenige Stunden später, mitten im Dschungel, fiel dann der Anker im guten Haltegrund.

Hier gibt es eine kleine Marina, deren Pontonplätze allerdings hauptsächlich von heimischen Booten belegt sind. Besucher ankern im Fluss, können aber für 2 EUR pro Tag die Sanitärräume nutzen und Wasser von der Pier bunkern. Einklarieren ist nach einer halben Stunde Fußmarsch in der Zollstelle des Handelshafen einfach möglich.

Ansonsten gibt es hier nicht viel. Der nächste Supermarkt ist 5 km entfernt, Taxis oder Uber – Fehlanzeige. Also nicht wirklich der geeignete Ort zu proviantieren...

Morgen geht es weiter nach Kourou, wo für übermorgen der Start einer Ariane 5-Rakete geplant ist.