Countdown für Ariane

Passage-Daten

Starthafen:Degrad des Cannes (Cayenne), Französisch Guyana
Zielhafen:Kourou, Französisch Guyana
Abfahrt:18.06.2019
Ankunft:18.06.2019
Strecke:48 Seemeilen
Dauer:12 Stunden
Wetter:Südost 3 Bft abnehmend 1, stark bewölkt, Gewitter
Besondere Vorkommnisse:keine

Es gibt viele Gründe, in Französisch Guyana Station zu machen. Zum Einen ist es ein schönes Plätzchen Erde: Tropisch, warmherzig, wunderschöne Strände und undurchdringlicher Bilderbuch-Dschungel. Letzteres ist im Übrigen der Grund, warum die französische Fremdenlegion hier ihre Spezialeinheiten für Dschungel-Einsätze ausbildet. Zum Anderen ist es ein bisschen Europa, die Supermärkte haben ein europäisches Sortiment, Infrastruktur und Formalitäten sind auf europäischem Niveau. Als Europäer ist man in Französisch Guyana praktisch zu Hause. 

Für mich gab es hauptsächlich einen Grund: Der Guyana Spaceport in Kourou, von dem regelmäßig Ariane-5-, Soyuz- und Vega-Raketen in den Weltraum geschossen werden. Und am 20.06.2019 soll es wieder soweit sein. Dann will ich in Kourou sein, da die Küste, und speziell die Gegend um die vorgelagerten Iles de Salut einen Tag vor bis einen Tag nach jedem Start für jeglichen Schiffsverkehr gesperrt sind. Die französische Marine ist schon seit Tagen auf dem Funk aktiv, um dieses Verbot anzukündigen und ein Patrouillen-Boot ist vor Ort, um den Funksprüchen den notwendigen Nachdruck zu verleihen.

Erster Stopp: Degrad des Cannes

Wir hatten, aus Brasilien kommend, jedoch zuerst in Degrad des Cannes festgemacht. Degrad des Cannes ist der Industriehafen von Cayenne, der Hauptstadt von Französisch Guyana. Irgendwo – war es Noonsite? – hatte ich gelesen, dass es in Cayenne leichter als in Kourou ist, einzuchecken. Für alle, die das noch vorhaben, das stimmt so nicht ganz. Die Ansteuerung von Degrad des Cannes hat es in sich. Der Kanal ist lang und schmal und seicht. Der Guyana-Strom trifft ihn direkt von der Seite, sodass mit tw. bis zu 45º vorgehalten werden musste. Hinzu kommt, dass die Strömung im Fluss bei auf- und ablaufendem Wasser gewaltig sind. Dort angekommen, ist die Infrastruktur, naja sagen wir bescheiden. Die Marina verbreitet einen morbiden Charme und die Entfernungen zur Zivilisation wären geeignet, um Infrantrierekruten auf ihren Dschungeleinsatz vorzubereiten. Taxi, Uber oder Mietwagen sind Fehlanzeige. 

Schau Dir die Sailors & Seadogs-Episode26 (Passage von Brasilien nach Französisch Guyana): https://youtu.be/j-fSQtYcY0c.

Tausend Gründe für Französisch Guyana

Also trete ich den 5 km-Fußmarsch an, um nach zwei Wochen auf See wenigstens das Notwendigste einzukaufen. Während der Hinweg auch bei tropischen Temperaturen nach dem eher übersichtlichen Bewegungspensum der letzten Passage noch Spaß macht, sinkt auf dem Rückweg mit zwei vollen Einkaufstüten der Spaßfaktor deutlich. Ein Teil der eingekauften Getränkevorräte und vor allem des Mückensprays geht dabei drauf. Das erinnert mich an eine Rechenaufgabe in der Uni. Wie weit kann ein mit Kohle beladener Güterzug fahren, damit noch mehr Kohle ankommt, als die Lokomotive für den Weg verbraucht hat? Doch dann, die Rettung. Ein junges Mädchen auf einem Motorroller hat Erbarmen und überlädt mit mir ihr Gefährt gefährlich, was sie aber nicht daran hindert, mit todesverachtender Geschwindigkeit über die Schlaglöcher und in die Marina zu fliegen. Ja, ewig wollte ich ja sowieso nicht leben.

Am nächsten Morgen wollten wir dann eigentlich bei Hochwasser mit ablaufendem Wasser Ankerauf gehen, aber vorher musste noch eine kleine Hürde genommen werden: Die Zahlung der Liegegebühr. 6 EUR. Da sie nur vormittags zu entrichten ist, und ich gerade die mittägliche Deadline verpasst hatte, musste ich also am nächsten Tag nochmal ran. Freundlicherweise bekam ich wieder eine Mitfahrgelegenheit in die 2 km entfernte Hafenverwaltung, zahlte meine Zeche, wurde wieder zurückgebracht und fuhr mit dem Dinghy zurück zum Mutterschiff, wo Michelle bereits alles klar zum Anker auf gemacht hat. Also noch schnell den Außenborder an seinen Platz hieven, Dinghy an den Davits sichern und hoch das Eisen. Die ersten zwei Meilen flutschten wie ein Zäpfchen, dann jedoch bekamen wir wieder den Guyana-Strom zu spüren, der sich mit dem ablaufendem Wasser nicht so zu vertragen schien und für ziemlich konfuse Seen sorgte. Also Hebel auf den Tisch und ab durch die Mitte, bis endlich freies Wasser erreicht ist.

Ansteuerung Kourou

Der Tagestrip zur Ansteuerung von Kourou verläuft unspektakulär, und ich kürze, um vielleicht doch noch irgendwie zum Hochwasser anzukommen, etwas durch die ‚Zone non-hydrographiee‘, also unkartiertes Gebiet, ab. Beim Tonnenpaar K3/K4, viel weiter südlich hätte es kaum sein dürfen, drehen wir dann in den Kanal ein. Ich hatte auf ein bisschen Dämmerungslicht gehofft, aber hier, unweit des Äquators fällt die Sonne quasi immer ohne Vorwarnung vom Himmel. Da sagt dann da oben einer, „Licht aus!“ und das Licht geht aus. Kein langes, sommerliches Zwielicht, wie in heimatlichen Breiten. Zack, Sonne weg, Licht aus, dunkel!

Unser Ansteuerungs-Video findest Du hier: https://youtu.be/BtqmuVIcb3I

Der Kanal ist allerdings beleuchtet wie ein Christbaum, sodass auch die nächtliche Ansteuerung wunderbar machbar ist, wenn da nur nicht diese Segler wären. Insbesondere die, die sich gut getarnt und ohne Ankerlicht mitten in den Kanal legen... Naja, das war jetzt etwas übertrieben, ich gebe es zu, aber einer reicht ja, in den man dann reinpfeffert. Endlich fällt dann der Anker bei ca. 4 m Wassertiefe. Stecke 30 m Kette, programmiere den Ankeralarm und ab in die Koje.

Der nächste Tag war dann hauptsächlich der Erkundung der Stadt und möglicher Beobachtungspunkte für den Ariane-Start am darauffolgenden Tag gewidmet. 

Ariane-5-Start

Wir entscheiden uns für den Strand und setzen uns mit Cap’n Jack und Scout (unseren beiden Seehunden) und Rob und Janine von der Batangi aus Südafrika in Marsch. Wir kommen als Erste dort an, aber kurze Zeit später herrscht Partystimmung und der Strand ist voll. Wir verfolgen die Startvorbereitungen „live“ im Internet, in dem der Countdown noch etwa 5 Minuten anzeigt, als plötzlich ein Feuerball in den Himmel steigt. Mist, war wohl doch nicht so „live“, also Kamera gezückt – zum Glück lag die schon lange griffbereit – und noch retten, was zu retten ist. Ein Bilderbuchstart vor der untergegangenen Sonne, ein imposantes Spektakel!

Schau Dir den Start hier an: https://youtu.be/aACnKfLRezQ.